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Interview mit Santy

„Nachts genieße ich die Einsamkeit“

Santy, so sein Deckname, ist ein alter Hase bei der TelefonSeelsorge Ostwestfalen. Der 71- Jährige greift seit 2011 zum Telefonhörer. Im Gespräch mit seinem Kollegen Huck erzählt Santy von seinen Anfängen in der TS, seinen Erfahrungen als Nachtarbeiter, seinen Verbesserungsvorschlägen und seiner persönlichen Entwicklung durch die Mitarbeit in der TS.

Wie bist Du zur TelefonSeelsorge gekommen?

Santy: Anfang 50 hatte ich das Gefühl, es müsse doch noch etwas anderes kommen. Eher zufällig habe ich ein Gespräch innerhalb eines Seminars mit einem Experten über NLP geführt, was mich faszinierte. Die Neugierde war geweckt und ich begann eine Ausbildung in NLP. Das war der Wendepunkt. Danach hat sich für mich Vieles geändert. Ich begann andere Bücher zu lesen, nahm an unterschiedlichen Ausbildungen und Seminaren teil. Ich bin mutiger geworden, meine Gefühle zuzulassen und zu entdecken. Ein wenig später entdeckte meine Frau in der Zeitung einen Bericht, dass die Telefonseelsorge einen neuen Ausbildungskurs anbietet. Nach einem erfolgreichen Vorstellungsgespräch wurde ich dann 2011 genommen. Es folgte eine intensive, für mich sehr wichtige Ausbildung.

Warum arbeitest Du fast ausschließlich nachts?

Santy: Vor meiner Verrentung habe ich auch tagsüber Dienste geleistet. Danach arbeite ich vorwiegend nachts. Ich komme dann besser mit meinen anderen Terminen klar. Nachtarbeit in der TS gefällt mir gut, weil ich wirklich Ruhe habe. Niemand ist mehr da. Ich genieße diese Einsamkeit.

Fühlst Du Dich durch die häufige Nachtarbeit wie Jürgen Domian vom WDR? Bist Du der Domian der TS Ostwestfalen?

Santy: Überhaupt nicht. Wenn ich ein wenig schlafen kann, habe ich auch am nächsten Tag keine Schwierigkeiten. Ich schaffe es aber auch, ohne Schlaf durch zu kommen. Ich habe den großen Vorteil, dass ich in jeder Stellung, an jedem Ort, sofort schlafen kann. Nachts gibt es oft ruhige Zeiten. Zwischen Vier und Sechs passiert häufig nicht viel. Dann nicke ich ein.

Und was passiert dann, wenn Du morgens nach Hause kommst?

Santy: Es ist unterschiedlich. Manchmal bin ich sehr müde, so dass ich bei der Heimfahrt das Fenster meines Autos öffne. Manchmal fahre ich aber laut singend nach Hause, wenn ich ein Teil von guten Gesprächen gewesen war. Daheim frühstücke ich erst einmal und gehe dann ins Bett. Gegen 13 Uhr stehe ich auf und widme mich dann den Dingen, die an diesem Tag anstehen.

Sind die Gesprächsthemen nachts spezieller als tagsüber?

Santy: Eigentlich nicht. Nur wenn es dunkel ist, rufen mehr Menschen nach Panikattacken an, die sich nach ihren Träumen einstellen. Das hat man tagsüber nicht. Oft sind die Gespräche auch kürzer. 15 bis 20 Minuten. Dann haben sich die Menschen wieder beruhigt. Partnerschaftsprobleme tauchen häufig in der zweiten Nachthälfte auf. Auch viele regelmäßige Anrufer melden sich. Scherzanrufe kommen so gut wie gar nicht mehr vor. An- und Betrunkene rufen natürlich nachts häufiger an. Ich wimmele sie nicht ab. Manche Gespräche erweisen sich durchaus als interessant.

 

Kannst Du Kolleginnen und Kollegen verstehen, die höchst ungern Nachtschichten machen? Santy: Kann ich gut verstehen. Ich habe das große Glück, dass ich in jeder Situation schlafen kann. Zudem passt Nachtarbeit in der TS optimal in mein Lebensmodell. Andere haben große Schwierigkeiten mit der Nachtarbeit und sind noch Tage danach gerädert.

Welche Verbesserungsmöglichkeiten bei der täglichen TS-Arbeit siehst Du?

Santy: Von der Leitung finde ich alles in Ordnung. Manchmal würde ich mir wünschen, dass es vor allem in den Reflektionsgruppen noch ein wenig tiefer gehen würde. Das ist aber eine Sache von uns Teilnehmern, wie weit bereit wir sind, uns zu öffnen. Ich sage stets, nutzt doch die Gruppe.  Wenn ich mir beispielsweise für ein Thema eine Supervision einkaufen müsste, müsste ich 100 oder 200 Euro bezahlen. In der TS habe ich in der Regel alle 14 Tage und jetzt in der Coronazeit alle vier Wochen die Gelegenheit, zum Nulltarif gedankliche Anregungen zu erhalten. Was Besseres kann mir doch gar nicht passieren. Diese Gruppen sind für mich daher ein wichtiger Grund, weshalb ich bei der TS bin.

Was bringt Dir die TS-Arbeit?

Santy: Ganz wichtig ist mir ein immer besseres Selbsterkennen und neu zu erleben, sich in andere Menschen einzufühlen. Früher hatte ich wenig Geduld. Jetzt attestiert man mir, sehr viel Geduld zu haben. Mein längstes Schweigegespräch dauerte 45 Minuten. Früher hätte ich mir dies nie vorstellen können. Auch wenn nichts gesagt wird, versuche ich zu hören. Mein Fazit: Bei der TS sehe ich für mich unheimliche Vorteile. Ich gewinne wahnsinnig viel.

Unter anderem: Mitgefühl, Verständnis für anders fühlende und denkende Menschen, Geduld und vor allem lerne ich mich immer wieder neu kennen mit meinen Fähigkeiten und Grenzen.

Du hast den Decknamen Santy. Was verbirgt sich dahinter?

Santy: Ich war einige Male in Afrika und habe einmal eine Sahara-Durchquerung mit Pkw‘s mitgemacht. Santy ist ein senegalesischer Freund, den ich damals kennengelernt habe. Der Name Santy fiel mir dann ganz spontan ein, als ich einen Decknamen benennen musste.

„Wir müssen die Qualität der Angebote sichern“

Herr Huneke, was macht eigentlich ein Superintendent?

Andreas Huneke: Zuhören, Reden, Planen, Beraten, Organisieren, Netzwerke schaffen und pflegen, Konflikte begleiten, die kirchlichen Ebenen von der Kirchengemeinde bis zur Landeskirche verbinden, Kontakte zu Kommunen, Landkreisen und zum Land pflegen. Es gibt aber auch alltägliche Tätigkeiten. Ich muss viele Rechnungen und Verträge unterschreiben und Beschlüsse der Presbyterien und der Landeskirche zur Kenntnis nehmen und weiterleiten. Das ist Teil des Tagesgeschäfts. Zum Kirchenkreis Vlotho gehören Teile des Landkreises Herford und Teile des Landkreises Minden/Lübbecke sowie die ganze Stadt Bad Oeynhausen bis auf Bergkirchen, Porta Westfalica Süd, ein Teil von Löhne und die Stadt Vlotho.

Welche Rolle nimmt die Telefonseelsorge im Rahmen des Kirchenkreises Vlotho ein?

Andreas Huneke: Die gesamten ostwestfälischen Kirchenkreise tragen die Telefonseelsorge Ostwestfalen mit Sitz in Bad Oeynhausen. Die Telefonseelsorge ist für mich ein wichtiger Bestandteil unseres Kirchenkreisverbandes. Ich bin froh, dass wir es gemeinsam machen, weil die ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter aus diesem großen Bereich kommen. Der Kirchenkreis Vlotho spielt hierbei eine besondere Rolle, weil der Sitz der Telefonseelsorge immer in Bad Oeynhausen war.

Mitte Oktober 2004 haben Sie Ihre Tätigkeit als Superintendent aufgenommen. Im Januar 2021 gehen Sie in den Ruhestand. Wie hat sich die Gesellschaft im Verhältnis zur Kirche in diesem Zeitraum verändert?

Andreas Huneke: Die Gesellschaft hat auch in unserem sehr kirchlich geprägten nördlichen Ostwestfalen an Bedeutung verloren. In den 16 Jahren konnte ich deutlich wahrnehmen, dass kirchliche Belange in der Öffentlichkeit schwerer zu vertreten sind. Den Kirchen wird nicht mehr ein so hoher Bedeutungsspielraum zugemessen. Gleichwohl sind wir aber immer noch wichtig. Wir sind ein bedeutender Ansprechpartner für Kommunen und Landkreise in vielen Fragen, weil wir eine große Bevölkerungsgruppe repräsentieren. Wir stellen etwa noch 50 Prozent der Wohnbevölkerung. In meiner Kindheit waren es aber noch 90 Prozent. Allein von der Zahlenverschiebung hat sich ein Bedeutungsverlust ergeben. Im kirchlichen Leben hat sich daher ein unglaublicher Wandel vollzogen. Während früher Amtshandlungen wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen völlig obligatorisch waren, stehen sie für viele Menschen heute nicht mehr an erster Stelle. Viele Menschen sind aus der Kirche ausgetreten, haben den Kontakt von sich aus abgebrochen. Sie betrachten es als eine Möglichkeit, Steuern zu sparen, da die Beziehung zur Kirchengemeinde ohnehin nicht stark ist. Das sind gravierende Veränderungen.

Wohin führt der Weg der Kirche?

Andreas Huneke: Die Kirchen werden kleiner. Das bedeutet aber nicht, dass sie zwingend weniger lebendig sind. Die Seelsorgedienste haben sich außerordentlich positiv entwickelt. Sie laufen sehr stabil und werden gut angenommen. Sie werden jedoch von viel weniger Menschen getragen werden müssen. Die Frage der Finanzierung spielt hierbei eine große Rolle. Die Teilnahme an den Gottesdiensten ist stark zurückgegangen. Die Aktivitäten der Kirchen in Gruppen und Kreisen sind ebenfalls eingebrochen. Die seniorenbezogenen Gruppen gehen noch am besten. Nur bei den Jüngeren ist es schwierig, obwohl wir uns im Kindergartenbereich stark engagieren, sowohl finanziell als auch personell. Viele Eltern sind nicht über den Kindergartenbereich hinaus für weitere kirchliche Aktivitäten zu gewinnen.

Können Sie einige Vergleichszahlen nennen, wie sich der Kirchenkreis Vlotho in den vergangenen 16 Jahren verändert hat?

Andreas Huneke: Aktuell haben wir 22,5 Pfarrstellen. Als ich anfing, waren es 34. Wir haben jetzt 54.000 Gemeindemitglieder, in den 70er-Jahren waren es mal 90.000. Wir haben die Pfarrstellen somit an die Gemeindemitglieder angepasst. Wir haben aber auch Schul- und Klinik-Pfarrstellen geschaffen, da in diesen Bereichen ein Bedarf entstanden ist. Theologische Kompetenz ist somit in das praktische Leben eingebracht worden. Die Kirchengemeinde kann sicherlich nicht allein die Bedürfnisse der Menschen befriedigen. Wir brauchen dazu zusätzliche Dienste.

Welche neuen Wege muss die Kirche bei geringer werdenden Einnahmen gehen?

Andreas Huneke: Die wirtschaftlichen Einbrüche durch die Corona-Krise werden uns als Kirche erheblich treffen. Die Schätzungen liegen zwischen 10 und 25 Prozent weniger Kirchensteuereinnahmen. Das ist so viel, dass das auf Dauer ohne gravierende Einschnitte überhaupt nicht aufzufangen ist. In unserem Kirchenkreis haben wir immer eine solide Finanzwirtschaft gehabt. Die pflichtgemäß zu bildenden Rücklagen haben wir stets angelegt, so dass wir Notzeiten eine Zeit lang überbrücken können. Aber es gibt Grenzen. Wenn wir mit weniger Geld bestimmte Aufgaben machen, leidet schnell die Qualität. Das wäre fatal für die Zukunft der Kirche. Wir müssen uns statt dessen eher entscheiden, Dinge zu lassen. Und bei den Dingen, die wir machen, die Qualität sichern. Wir müssen abspecken. Unser Angebot muss reduziert werden, Gebäudebestände müssen verringert werden, Personalbestände fokussieren und die verbleibenden Aufgaben in einer hohen Qualität verrichten.  Die Ansprüche der Menschen sind sehr viel individualistischer geworden. Die persönlichen Erwartungen an Angebote sind das allein Seligmachende. Was die Mehrheit will, spielt keine große Rolle mehr. Das stellt uns vor riesengroße Herausforderungen. Man kann heute kein Gottesdienstangebot mehr ohne deutliche Akzentuierungen machen. Das hat z. B. zur Folge, dass einige nach Hause gehen und sagen, das ist für mich kein Gottesdienst, während andere hellauf begeistert sind. Da ist auch der Gegensatz zwischen Alt und Jung. Gravierend sind auch kulturell bedingte Gegensätze. Die Musik spielt eine große Rolle. Klassische Musik ist ein Spartensegment. Sie pflegen wir in der Kirche zu Recht, da wir in diesem Bereich sehr stark sind. Damit erreichen wir aber ganz wenige Menschen. Mehrheiten erreichen wir mit anderen Musikfarben. Da arbeiten wir an eine größeren Vielfalt.

In den vergangenen zwei Monaten hatten Sie mit zwei heißen Eisen zu kämpfen. Pfarrer Jörg-Uwe Pehle in Vlotho wurde nach seinem Outing, homosexuell zu sein, von vielen Menschen gemobbt und diskriminiert. Auch die Wegsperrung eines Behinderten im Wittekindshof über einen längeren Zeitraum sorgte für Schlagzeilen. Wie gehen Sie mit solchen gravierenden Problemfällen um?

Andreas Huneke: Ich versuche, in beiden Fällen möglichst nüchtern und sachlich zu bleiben und hole mir Rat von außen ein. Damit mache ich mich auch von meinen eigenen Emotionen frei. Im Fall Pfarrer Pehle bin ich unmittelbar als Dienstvorgesetzter gefragt gewesen. Es ist für mich eine einfache Geschichte, da ich mich emotional nicht verklemmt fühle. Schwieriger ist der Wittekindshoffall, da die Größenordnung extrem ist. Ich als Stiftungsratsvorsitzender bin von den konkreten Geschehnissen, die mich sehr betroffen gemacht haben, auch weit entfernt. Möglicherweise sind dort Dinge passiert, die ich auch nicht gut finde. Aber die Verfahren laufen noch. Es handelt sich um eine erschreckende Angelegenheit, die viele Mitarbeiter betrifft. Dieser Fall hat mich deutlich belastet und ich bin sehr an einer konsequenten Aufklärung interessiert.

Was haben Sie sich für Ihren Ruhestand vorgenommen?

Andreas Huneke: Ich habe eine Enkeltochter, mit der ich in Zukunft mehr spielen kann. Ich bekomme wieder Zeit zum Gitarre spielen und habe große Lust dazu. Ich freue mich auf die Pflege von Sozialkontakten, die arbeitsbedingt bisher zu kurz kamen. Ich reise gerne und bleibe dem Wittekindshof  verbunden und bleibe ehrenamtlicher Stiftungsratsvorsitzender. Vor Langweile habe ich daher keine Angst. Ich bin ein Mensch, der es aber auch sehr genießen kann, einfach in der Ecke zu sitzen und dösig zu kieken und nichts zu machen. Auch das war mir 16 Jahre lang kaum möglich. Eine Krebserkrankung vor drei Jahren hat mich im Job ruhiger werden lassen. Sie hat mir beigebracht, dass ich meinen bis dahin üblichen Termintakt nicht mehr folgen kann. Morgens fange ich später an, weil ich Zeit für meinen Sport benötige, sonst macht mein Körper keinen vollen Arbeitstag mit. Das war eine heilsame Erfahrung.

Haben Sie während Ihrer Krebserkrankung mit dem Gedanken gespielt, die Telefonseelsorge um Rat zu fragen?

Andreas Huneke: Verzweifelt war ich in dieser Phase nie, weil ich so viele Menschen um mich herum hatte, die ganz sensibel und freundlich mir zugewandt waren und sich um mich gekümmert hatten. Ist das persönliche Umfeld aber nicht so gut, kann es schon sehr schwer werden, mit solchen Situationen allein fertig zu werden. Es ist schon eine radikale Umstellung, sich plötzlich mit der eigenen Endlichkeit beschäftigen zu müssen, selbst wenn die Prognose günstig ist. Die Frage nach dem eigenen Sterben ist eine andere als die nach dem Sterben anderer.

Herr Huneke, ich bedanke mich für das Gespräch.

Interview mit Marta Museumsdirektor Nachtigäller

Das Marta ist ein brodelndes Labor“

Roland Nachtigäller (60) ist seit 2009 Direktor des Museums Marta Herford. Der gebürtige Dortmunder („Ich bin kein eingefleischter BVB-Fan im Gegensatz zu meiner Schwester“) spricht im Interview mit Huck, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Telefonseelsorge Ostwestfalen, über aktuelle Arbeiten während der Corona-Krise, künftige Ausstellungen, Träume für die Zukunft und die Bedeutung des Standortes Herford innerhalb der deutschen Kunstszene.

Die Kunst, gut zuhören zu können, ist eine Fähigkeit, die in der Telefonseelsorge eine bedeutende Rolle spielt. Welche Fähigkeiten muss der Marta-Direktor aufbringen, um Interesse beim Publikum zu bewirken?

Roland Nachtigäller: Es sind ähnliche Kompetenzen. Auch in meinem Metier ist das aufmerksame Zuhören ganz wichtig. Der erste Schritt für eine Ausstellung ist, mit der Künstlerin oder dem Künstler in Kontakt zu kommen. Ich muss herausfinden, was ihr oder ihm wichtig ist. Künstler*innen sind allerdings nicht unbedingt diejenigen, die die Dinge sofort auf den Punkt bringen. Ich muss ein wenig sortieren. In meiner Funktion als Direktor bin ich gefordert, als Erklärer und Vermittler zwischen dem Publikum und den Kunstschaffenden tätig zu sein. Ich muss also ein gutes Gespür dafür haben, wo diejenigen stehen, die uns gerade zuhören und die Kunst anschauen.

Ist bei der Planung eines neuen Projektes zuerst die Idee oder die Künstlerin/der Künstler vorhanden?

Roland Nachtigäller: Das hängt mit der Arbeitsweise zusammen, wie wir vorgehen. Im Marta habe ich mich für ein Programm entschieden, das sehr stark themenorientiert ist. In den meisten Fällen ist zuerst eine Idee vorhanden. Letztlich besteht unsere Hauptarbeit im Vorfeld darin, die Antennen aufzustellen und auszurichten. Wir besuchen viele Ateliers und Ausstellungen. Dort spüren wir, was gerade Tendenzen und Themen sind. Das macht sich an künstlerischen Werken fest, die im Kopf hängen bleiben. Wächst eine Idee langsam zu einem konkreten Ausstellungsprojekt heran, haben wir dann schon Werke in Kopf, die den Jahren zuvor entdeckt wurden. Verhindert werden muss aber auch, Kunstwerke als Argumentationshilfen zu instrumentalisieren. Es geht am Ende immer noch um das einzelne Werk und nicht um die These, die wir präsentieren wollen.

Auf welche Ausstellungsformate nach dem aktuellen Programm „Glas und Beton“ können wir uns freuen?

Roland Nachtigäller: Bereits in diesem Jahr sollte eine Ausstellung, die im Bereich Mode und Fashion angesiedelt ist, an den Start gehen. Corona machte uns aber einen Strich durch die Rechnung. Es hatte aber den schönen Nebeneffekt, dass wir in der Detailplanung neu einsteigen konnten und die Gewichtungen veränderten. Es ist eine Ausstellung, die sich am Anfang ganz bewusst dagegen verwehrt hat, die verschiedenen Modedesigner*innen und Kleidungsstücke zu zeigen. Es gilt, vielmehr zu schauen, wofür steht Kleidung, welche Symboliken transportiert sie. Uns interessieren Fragen, wie wir mit Mode umgehen und wie Künstler*innen diese Fragen in ihren Werken thematisieren. Es ist ein Projekt, das große Strahlkraft entfalten soll. Demnächst steht auch die Ausstellung des Marta-Preises der Wemhöner-Stiftung an. Sie ist bereits so gut wie fertig. Abgeschlossen ist auch die Vorbereitung des Ausstellungsprojekts „Trügerische Bilder“. Hierbei handelt es sich um ein Spiel zwischen Malerei und Fotografie, die lustvolle Täuschung unserer Wahrnehmung.

Trauer, Ängste und Wut sind unter anderem menschliche Reaktionen auf die Corona-Pandemie. Welche Bedeutung haben diese Emotionen für die Kunst?

Roland Nachtigäller: Sie haben durchaus eine große Bedeutung. Für mich ist die Frage relevant, ob es den Künstler*innen gelingt, aus einem konkreten Bezug in ihren Werken eine Allgemeingültigkeit zu entwickeln. Es ist allerdings nicht Aufgabe der Kunst, unmittelbar auf das aktuelle Tagesgeschehen zu reagieren. Das Konkrete erachte ich daher nicht für sinnvoll. Ich würde beispielsweise nächstes Jahr keine Corona-Ausstellung machen. Ich würde eher an die grundsätzlicheren Fragen gehen. Isolation, Einsamkeit, der fehlende körperliche Kontakt, das Thema der Heilung sind für mich interessanter. Wie können wir uns in Krisensituationen gegenseitig stützen? Was gibt es für Strategien über Kunstwerke und Bilder Verbindendes zu schaffen, was uns auch aus Löchern heraus holt?

Ist es förderlich, sich in Notsituationen künstlerisch abzureagieren?

Roland Nachtigäller: Das ist sehr stark von der Persönlichkeit abhängig. Für mich wäre das kein Ventil. Hilfreich war, dass ich in meinem Studium ganz bewusst Momente gehabt habe, in denen ich feststellen konnte, ob ich eher ein Künstler bin oder jemand, der mit Kunst umgehen will. Mir war schnell klar, kein Künstler zu sein. Werde ich beispielsweise mit Trauer konfrontiert, würde ich eher das Schreiben wählen. Gute Kunst entsteht für mich dann, wenn man die konkreten Erfahrungen be- und verarbeitet und sie nicht unmittelbar abbildet.

Einige Maler haben aus dem Kummer heraus zum Pinsel gegriffen und Kunstwerke geschaffen.

Roland Nachtigäller: Das kann ich mir schon vorstellen. Aber oft bleibt es dann einfach im Privaten hängen. Die Erklärung für ein Kunstwerk, in großer Trauer entstanden zu sein, finde ich als Einstieg nicht interessant – ja, sie geht mich erst einmal auch nichts an. Man muss vom Werk selbst ausgehen. Wenn dann auf der zweiten oder dritten Ebene klar wird, in einer bestimmten biographischen Situation entstanden zu sein, dann ist es vielleicht eine Facette. Es kann aber in meiner Wahrnehmung nie die tragende Säule eines Kunstwerks sein.

Wie gehen Sie persönlich mit Krisen um?

Roland Nachtigäller: Sprache ist für mich ein wichtiges Instrument. Darüber reden ist ein wichtiger Aspekt. Bewegen mich Dinge, dann gibt es den Moment, es aussprechen zu müssen. Die Telefonseelsorge ist deshalb auch ein extrem wichtiger Bestandteil des Alltags. Es ist wichtig, dass Menschen aus der Anonymität und Neutralität heraus Zuhörer*innen sein können und nur für mich da sind. Es ist ein existenziell wichtiger Aspekt in unserer Gesellschaft.

Wie sind Sie durch die Corona-Zeit gekommen?

Roland Nachtigäller: Als Leiter der Institution Marta konnte ich nicht unmittelbar in den Lockdown gehen. Wir hatten Betriebsferien und Kurzarbeit. Das war eine höchst arbeitsintensive Zeit für mich. Ich war Sekretär, Hausmeister und Direktor in einer Person. Privat erlebe ich Corona auch als eine interessante Phase (glücklicherweise bin ich gesund!), man ist stärker auf sich selbst zurückgeworfen. Man hat in diesem Sommer kaum Urlaub gemacht. Man blieb im eigenen Garten. Das waren ganz neue Perspektiven auf das eigene Leben. In der Kunstszene entsteht gerade eine Diskussion darüber, wie wir über Jahre hinweg zu Rassismus, Nachhaltigkeit und Globalisierung kritische Ausstellungen machen, aber als Kunstbetrieb extrem klimafeindlich, ressourcenfressend und auch gedankenlos unterwegs sind. So kann es nicht weitergehen. Diesen Ansatz übertrage ich auch auf mein privates Leben. Wir sollten neu beurteilen, wie wir leben wollen. Die Corona-Krise ist nicht etwas, wo ich sagen würde, wie nach 9/11 wird die Welt nie wieder so sein wie vorher. Es ist aber eine Chance, das Leben stärker im Blick zu behalten. Wir sollten uns mehr damit auseinandersetzen, was es eigentlich heißt, in einem solch wohlhabenden Land zu leben und trotzdem nicht alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich uns bieten.

Welche Bedeutung hat das Marta in der deutschen Kunst- und Kulturlandschaft?

Roland Nachtigäller: Es ist schwierig, das selber einzuschätzen, weil es so nach Eigenmarketing klingt. Wir dürfen dennoch mit Selbstbewusstsein sagen, eines der führenden Museen für zeitgenössische Kunst nicht nur in Deutschland zu sein. Wir werden sehr intensiv wahrgenommen und sind weit über den lokalen Kreis hinaus bedeutsam. Über 70 Prozent der Besuchenden haben eine weite Anreise auf sich genommen. Das ist Chance und auch Verpflichtung. Wir sind aber zugleich auch in Herford verwurzelt. Das macht es nicht nur komplexer, sondern auch schön. Wir haben verschiedene Ebenen, auf denen wir spielen. Es ist ein ganz wichtiges Standbein des Museums, darauf zu achten, dass dieses große nationale und internationale Renommee eher noch steigt, denn gehalten wird. Angefangen haben wir mit neun bis zwölf Ausstellungen pro Jahr. Das war eine unglaubliche Maschinerie, die hier lief, um die Aufmerksamkeit auf diesen neuen Ausstellungsort zu lenken. Mittlerweile fokussieren wir uns mehr, produzieren weniger, aber umfassendere Projekte.

Die Wahl 2014 zum Museum des Jahres war sicherlich ein Ritterschlag für das Marta?

Roland Nachtigäller: Absolut. Wir tauchten plötzlich in den Tagesthemen auf. Aber daraus entsteht auch eine Verpflichtung.

Wie groß ist das Interesse des Auslands am Marta?

Roland Nachtigäller: Es gibt sehr viele Niederländer*innen, die unser Museum kennen und besuchen. Sie sind oft mobiler als die Deutschen und machen gern beispielsweise von ihrem Camping-Standort einen Abstecher nach Herford. In Belgien ist das Interesse ähnlich groß. Aber die Besucherströme reichen bis hin nach China und den USA.

Ihr Vertrag läuft noch bis Ende 2021. Welche Träume und Pläne wollen Sie bis dahin noch realisieren?

Roland Nachtigäller: Ich träume eigentlich immer davon, Dinge zu realisieren und zu entwickeln, die es vorher noch nicht gegeben hat. Was wir in diesem Jahr begonnen haben und im März radikal ausgebremst wurde, war eine solche Idee: Im 15. Jahr wollten wir das Marta an vielen Stellen noch einmal ganz zu erfinden. Die größte Herausforderung der nächsten Jahre besteht darin, mehr noch als bisher zu einem wichtigen und in gewisser Weise selbstverständlichen Ort der Freizeitgestaltung der Menschen zu werden. Die Nutzung von Museumsräumen als soziale Begegnungsorte ist noch lange nicht ausgereizt. Wir sind dabei, Konzepte zu entwickeln, komplette Strukturen zu verändern, um das Museum neu zu definieren. Das ist hoch gegriffen. Aber eben ein Traum.

Könnte für Sie eine Tätigkeit in einer Metropole wie New York, Berlin oder London nicht besonders reizvoll sein?

Roland Nachtigäller: Zu Beginn meiner Tätigkeit in Herford habe ich gesagt, dass die Peripherie genauso spannend ist wie die Metropolen dieser Welt. Diese Aussage gilt heute noch mehr als 2009. Die großen Zentren haben ihre eigenen Bewegungen. Wir haben es in London gesehen, gerade sehen wir es in Berlin. Es sind Hotspots, die zu touristischen und wirtschaftlichen Attraktionspunkten und letztlich brutal ausgebeutet werden. Am Ende ist jeder Freiraum durchgearbeitet, gestaltet oder vermarktet. Dann sind die Besucher*innen plötzlich enttäuscht, dass sie „das Ursprüngliche“, den Kiez nicht mehr finden und kehren sich ab auf der Suche nach einem neuen Hotspot. Kunst entsteht dort am besten, wo die Strukturen noch offen sind. Es darf nicht alles ausdefiniert sein. Wir brauchen Brachgrundstücke, wo Künstler*innen sagen: „Es gibt kein Geld und keine Galerie, es gibt nur mich und ich mach’ was daraus.“ Ist hingegen alles durchorganisiert, gibt es keine Bewegungsräume mehr. Dann sucht man nämlich zwangsläufig neue Räume. Periphere Orte wie Herford sind dabei viel stärker aufgestellt, weil sie noch nicht so durchdefiniert sind. Und weil sie nicht so einen Repräsentationsdruck haben. Herford muss nur für sich gut bestehen, aber nicht für Deutschland die kulturelle Hauptstadt darstellen. In Herford können wir frecher, offensiver und experimenteller vorgehen. Das Marta ist ein brodelndes Labor, in dem neue Dinge entwickelt werden, die Besucher*innen anlocken. Mit jeder Aktion müssen wir immer wieder die Frage beantworten: Warum sollte ich deshalb nach Herford fahren? Den Grund dafür müssen wir bei jedem Projekt finden und liefern.

Herr Nachtigäller, ich bedanke mich für das Gespräch.

Fünf Fragen an Landrat Jürgen Müller (Herford)

Jürgen Müller (SPD) ist in diesen Tagen vielbeschäftigt. Der 60-Jährige ist seit Oktober 2015 Landrat des Kreises Herford. Der zweifache Familienvater stellt sich im Rahmen der Kommunalwahl am 13. September 2020 der Wiederwahl. Zudem halten ihn und seine Mitarbeitenden die Folgen der Corona-Pandemie mächtig auf Trab. Mit dem leidenschaftlichen Handballer („Ich war bei meiner Figur ein Außenspieler und am Kreis aktiv. Ich bin immer dahin gegangen, wo es weh tut: in der Abwehrmitte, wo man einstecken muss, aber auch austeilen kann“), sprach TS-Mitarbeiter Huck.

Als Landrat mussten Sie zuletzt sicherlich einigen Bürgern und Bürgerinnen Trost spenden, wenn sie durch die Corona-Pandemie in Not geraten sind. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Jürgen Müller: Über die Corona-Krise habe ich viele positive Erfahrungen gemacht, was die Entwicklung des Miteinanders angeht. Ich habe wahrgenommen, dass in dieser extremen Krise plötzlich alle zusammengerückt sind. In der Bevölkerung habe ich wahrgenommen, dass jeder bereit ist, für den anderen etwas zu tun. Die Schwierigkeiten und Probleme mit der Krankheit will ich nicht wegdiskutieren. Das war und ist aber auch eine Chance für die Gesellschaft. Sie hat sich ein Stück zurückbesonnen darauf, dass wir miteinander auskommen, auf den anderen achten müssen. Und dass wir daraus stärker werden.

Der Beruf des Politikers ist oft nicht leicht. Es gibt Kritik und Anfeindungen von vielen Seiten. Wer spendet Ihnen Zuwendung, wenn es Ihnen schlecht geht?

Jürgen Müller: Ich habe eine Familie. Gerade meine Frau ist immer Gesprächspartnerin. Zu jeder Zeit. Selbst wenn mein Arbeitstag erst um 23 Uhr endet, finden wir Zeit, uns auszutauschen. Meine Frau ist Lehrerin, was sicherlich auch kein einfacher Job ist. Wir erzählen von unserem Erlebten. Jeder trägt somit den anderen mit. Auch beruflich habe ich ein tolles Umfeld. Mit meinen Mitarbeitenden kann ich sprechen und meine Sorgen schildern. Sie helfen mir auch menschlich weiter. Es ist ein vertrauensvoller Umgang. Das macht es für mich einfacher. Wer sich in eine solche Position hineinbegibt, muss auch bewusst sein, dass es Kritik gibt.

Der Fall des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke verdeutlicht die Gefahr, der Politiker ausgesetzt sind. Sind durch diesen tragischen Fall bei Ihnen Zweifel am Beruf aufgekommen?

Jürgen Müller: Nein. Auch Angst ist nicht aufgekommen. Man muss mit solchen Dingen leben. Die Situation, dass Politikerinnen und Politiker bedroht werden, ist real. Es gibt unterschiedliche Umgehensweisen damit. Ich bin keiner, der dieses öffentlich macht. Ich habe ein gutes Verhältnis zur Kreispolizeibehörde. Ich frage dort nach, wie sie eine Angelegenheit einschätzen und wie wir umgehen sollten, wenn eine derartige Bedrohung da ist. Es ist aber zum Glück kein tägliches Geschäft. Aber es passiert eben. Deshalb würde ich den Job nicht hinschmeißen. Er macht mir großen Spaß, und ich bin immer noch mit Leidenschaft dabei.

Haben Sie Mitleid mit Ihrem Gütersloher CDU-Kollegen Sven-Georg Adenauer, der es in Rheda-Wiedenbrück mit einem Corona-Hotspot beim Großschlachter Tönnies zu tun hat(te)?

Jürgen Müller: Ich war ein Stückchen geschockt, als ich Kenntnis von den Zahlen bekam. Im Kreis Herford haben wir zunächst geschaut, wie die Gefahrenlage eigentlich ist. Sie stellte sich für unseren Kreis als nicht so dramatisch dar. Zu den Arbeitsbedingungen bei Tönnies möchte ich bewusst nichts sagen. Ich halte sie jedoch für untragbar. Der Gesetzgeber hat seinen Job nicht richtig gemacht. Ich hatte auch Kontakt mit Herrn Adenauer. Und ich habe viel Verständnis dafür, dass er die Gefahr eingrenzen musste und dadurch Maßnahmen getroffen hat, die die Bevölkerung belastet haben.

Welche Bedeutung hat für Sie die Telefonseelsorge bei der Lösung von Sorgen und Ängsten?

Jürgen Müller: Das ganze ehrenamtliche Krisenteam, das wir haben, ist extrem wichtig. Als Landrat bin ich auch Leiter der Kreispolizeibehörde. Wenn eine Handyortung notwendig ist im Fall eines Vermissten, muss ich als Behördenleiter die Anordnung geben. Auch nachts. Es handelt sich dabei meistens um Suizidfälle. In diesem Zusammenhang ist, was die Telefonseelsorge macht oder auch unser Krisendienst leistet, absolut unverzichtbar. Das ist eine so wichtige Hilfe. Wir hatten einmal eine kurze Phase, als unser Krisendienst nicht zur Verfügung stand. Im Schnitt gibt es mormalerweise einen Anruf wöchentlich bei mir. Als der Krisendienst nicht zur Verfügung stand, habe ich acht Anrufe erhalten. Das zeigt, dass die Menschen außerhalb der professionellen Strukturen einen Ansprechpartner brauchen. Die Arbeit der Telefonseelsorge ist für die Menschen daher unverzichtbar.

Herr Müller, wir bedanken uns für das Gespräch.

In der siebten Folge „Lebenszeichen“ ist Petra Ottensmeyer, Leiterin der Telefonseelsorge® Ostwestfalen zu Gast.
Mit ihr sprechen wir über Mutlosigkeit, Angst und Suizid, sowie die Arbeit der TelefonSeelsorge.

Gast Petra Ottensmeyer
Moderation: Simon Hillebrecht und Aike Schäfer
Klavier und Gesang: Johannes Vetter
Musik- Intro: Dariia Lytvishko

eine Sendung der evangelischen Marienkirche Herford

https://ein-lebenszeichen.podigee.io/7-neue-episode

„Ich war reif dafür“

So viel dürfen wir verraten: Sie heißt mit Decknamen Bente, ist 53 Jahre alt, verheiratet und dreifache Mutter. Seit Herbst 2019 gehört sie zur neuen Ausbildungsgruppe der Telefonseelsorge. Sechs Frauen und drei Männer lassen sich auch von den erschwerten Lernbedingungen durch die Corona-Pandemie nicht unterkriegen. Mit Bente sprach TS-Mitarbeiter Huck.

Warum hast Du dich für deine Ausbildung bei der TS beworben?
Bente: Bereits vor 20 Jahren wollte ich mich schon einmal bewerben. Wir waren damals im Urlaub und ließen uns die Zeitung per Post nachschicken. Dort fand ich dann einen Bericht über die Telefonseelsorge, die Nachwuchs suchte und war sehr interessiert. Letztlich habe ich mich damals aus familiären Gründen dagegen entschieden, die Kinder waren noch zu klein. Jetzt, 20 Jahre später, fiel mir erneut ein Artikel der TS in die Hände. Ich fühlte mich wieder angesprochen und glaubte, den Anforderungen gerecht werden zu können. Ich war reif dafür und sagte nun ja.

Wie gefällt dir die Ausbildung?
Bente: Ich stelle mich zur Verfügung und begleite die Anrufer während des Gespräches – diese Vorstellungen werden während der Ausbildung geschult. Das ist auch gut so. Schließlich möchte ich mehr Sicherheit bekommen. Aufgefallen ist mir – besonders zu Beginn der Ausbildung -, dass ich nachts intensiver träume. Ich verarbeite Dinge aus unserer Gruppe und den geführten Gesprächen. Es ist aber keinesfalls unangenehm, sondern spannend. Das Gruppengefühl ist recht stark. Meine anfänglichen Unsicherheiten wurden gelockert.

Warst Du beim ersten Telefonat nervös?
Bente: Meine Hauptsorge bestand darin, dass ich mich mit meinem richtigen Namen melde, wie es sonst immer der Fall ist, wenn ich einen Anruf annehme. Bis jetzt habe ich es hinbekommen und mich nicht verplappert. Zwei Anrufe haben mir bisher zu schaffen gemacht, ich kam in die Bredouille. Hier ein besonderer Dank an meine Patin, wir haben beide Fälle besprochen und aufgearbeitet.

Was sagen die Familienmitglieder und Freunde zu deiner neuen Tätigkeit.
Bente: Mein Mann wusste direkt Bescheid, den noch im Haus lebenden Kindern habe ich zunächst nichts erzählt. Da es in unserer Familie aber nicht üblich ist, häufiger mit unbekanntem Ziel zu verschwinden, habe ich diese empfundene Schwierigkeit in der Gruppe angesprochen. Danach wurden die Kinder auch eingeweiht, seitdem fühle ich mich besser. Meine Freunde wissen bisher nichts von meiner Tätigkeit.

Was bringt dir die Tätigkeit in der TS?
Bente: Ich kann hilfreich sein und meine Fähigkeiten einbringen. Ich empfinde Spaß und Freude an dieser Tätigkeit. Da ich noch nicht ewig dabei bin, fehlt mir noch die Sicherheit in den Gesprächen. Daran muss ich noch arbeiten. Vielen Dank für das Gespräch.

Die Natur ist Corona-Gewinner

Auch ich habe mich neulich über die Lockerungen in unserer Gesellschaft aufgrund der Corona-Pandemie sehr gefreut. Der ersehnte Besuch bei den Eltern, die leckere Pizza beim Italiener unter Einbehaltung der Abstände – das Drücken der Lebens-Resettaste wirkt sich für alle befreiend aus. Diese zwar noch reglementierte Freiheit ist angenehmer zu ertragen als die zwingend erforderlich gewesenen Beschränkungen, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Viele Menschen litten sehr unter der starken Beeinträchtigung der Sozialkontakte, als die Tuchfühlung zu den Liebsten fast ausschließlich über soziale Medien erfolgen durfte. Viele Tränen flossen. 

Dennoch möchte ich die Folgen der Corona-Krise nicht vollends verteufeln. Wir alle durften und dürfen noch immer positive Veränderungen um uns herum beobachten. Noch niemals zuvor habe ich ein solch intensives Gezwitscher in unserem Garten und im Wald gehört. In unserem Vogelhaus herrschte ein derartiger Betrieb, daß das Futter schon nach zwei Tagen nachgefüllt werden musste. Klares Wasser in Venedig, Delfine, die vor Istanbul im Bosporus gesichtet werden – die Natur blüht seit März 2020 in einem ungeahnten Maße auf. Der Himmel erstrahlt in einem tiefen Blau, wie ich ihn noch nie wahrgenommen habe, weil die Flugzeuge nicht fliegen. Auf den Straßen herrscht kein dichtes Gedränge, weil die Menschen in Kurzarbeit oder im Homeoffice tätig sind. Man kommt daher zügiger voran. Dinge und Erscheinungen, die im Februar dieses Jahres noch unvorstellbar waren. 

Es ist die verordnete Einschränkung des Menschen in seiner bisherigen Lebensweise, die in den vergangenen Wochen einiges Gutes bewirkt hat. Bei der Rückkehr ins gewohnte Leben nach Corona sollte es für uns alle doch erstrebenswert sein, einige dieser Werte in die neue, alte Lebensordnung zu integrieren. Ich blicke gespannt in die Zukunft, kann meine Skepsis aber nicht verbergen.

Huck (ehrenamtlicher TS-Mitarbeiter)

Wir hören zu

Ruhe und Zuversicht ausstrahlen ist momentan eine der wichtigsten Aufgaben der TelefonSeelsorge.

Das Corona-Virus hat die ganze Welt gehörig durcheinandergewirbelt und tut es noch. Trotz mancher Lockerungen ist die Selbstverständlichkeit unseres Alltags ist in diesen Tagen erschüttert.

Niemand kann sich Covid-19 und der Berichterstattung darüber entziehen, kaum ein Gespräch, das sich nicht um die Pandemie dreht. Das ist auch in der Telefonseelsorge® so. Seit dem 10. März werden Gespräche zum Thema „Corona-Virus“ statistisch erfasst. Im März/April hatten bundesweit bis zu 40 % der Gespräche das Virus zum Thema.

Die Herausforderungen sind ebenso vielfältig wie die Reaktionen darauf. Manche haben sich der veränderten Situation angepasst. Sie sehen es als Chance, den Stress herunterzufahren. Für manch eine/n schaffen die Richtlinien das, was ihr/ihm selbst zuvor nicht möglich war: Entschleunigung.

Für andere aber ist die Situation zunehmend bedrängend. Da sind all jene, deren berufliche und finanzielle Zukunft existenziell bedroht ist. „Ich bin in Kurzarbeit und noch in der Probezeit. Ich fürchte, dass bald die Kündigung kommt“, erzählt ein Anrufer.

Da sind Menschen, die alleine leben und mit der Einsamkeit schwer zu kämpfen haben. Auch für psychisch belastete Menschen, die schon vor der Krise auf wackeligem Boden standen, ist die Situation oft ein Verstärker ihrer Lage. „Ich sitze seit Tagen in einem dunklen Loch. Meine Freundin hat Angst mit mir einen Kaffee zu trinken“, berichtet eine Anruferin. Sie ist froh über den Austausch mit der TelefonSeelsorge

„Viele Menschen haben das Bedürfnis, ihre Ängste auszusprechen“, berichtet eine Ehrenamtliche „Wir versuchen zu sortieren, was ist jetzt besonders schwierig? Welche Gedanken gehen durch den Kopf?“

Oft hören wir bei der TS einfach nur zu. Wir können den Schmerz nicht weg reden und das wollen wir auch gar nicht, aber wir können da sein, ein Stück der Last tragen, zumindest für einen Moment. Wenn eine Frau erzählt, dass ihr Mann unerwartet verstorben ist, dann gibt es wenig, womit wir sie im Moment trösten können. Es ist Aufgabe der TS, das auszuhalten. „Aushalten, Zuhören, das ist oft das Schwierigste“, sagen auch Mitarbeitende, die lange dabei sind. Aber in diesen Zeitenmit all den Einschränkungen ist deutlich zu spüren, wie wichtig dieses Angebot ist.

P.O.

„Abschied und Neubeginn“

Musikalische Lesung

Aufgrund der aktuellen Situation muss die musikalische Lesung mit Tina Wilms verschoben werden! Ein neuer Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben.
29. März 2020 17.00 Uhr

Kreuzkirche Ennigloh

Kempenstraße14, Bünde
Tina Willms: Texte
Die poetischen Texte der Theologin und Autorin inspirieren durch ihre Tiefe und Intensität, laden ein zur Ruhe zu kommen und zu staunen. Jan-Lukas Willms: Klavier und Klarinette
Eintritt frei, Spenden erwünscht

mit Unterstützung durch den Förderverein TelefonSeelsorge Ostwestfalen e.V. und der Philippus-Gemeinde

P.O.

Suizidprävention wird digital

10.03.2020 – Die Telefonseelsorge® Deutschland startet mit dem KrisenKompass eine rein digitale Hilfe für Menschen in der suizidalen Krise. Mit der App erweitert der Verbund das bisherige Angebot und richtet sich damit an drei Gruppen:

  • Menschen in der suizidalen Krise
  • Angehörige, Kollegen und Freunde, die unterstützen möchten
  • Angehörige, die eine Person durch Suizid verloren haben.

„Wir haben die App entwickelt, um jene zu unterstützen, die sich nicht trauen mit uns zu sprechen oder uns zu schreiben. Wir hoffen, dass dieses niederschwellige Angebot das Rüstzeug an die Hand gibt, einen Krisenfall besser zu meistern“, erklärt Dorothee Herfurth-Rogge (Vorsitzende der Evangelischen Konferenz für Telefonseelsorge® und Offene Tür e.V.)  den Hintergrund der App.

Michael Hillenkamp, Sprecher der katholischen Konferenz für Telefonseelsorge® und Offene Tür, ordnet die App in das Angebot der Telefonseelsorge® ein: „Die App ist konkrete Seelsorge; Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen ist ein Menschenrecht!“

App auch für beraterisch-therapeutische Zwecke nutzbar

Menschen in einer schwierigen seelischen Situation benötigen eine klare und selbsterklärende Ansprache, da die kognitiven Möglichkeiten überlagert sind. „Mit unserer App haben wir stark darauf geachtet, eine leichte Userführung einzubringen und bewusst leicht lesbare Texte verfasst“, so Dr. Stefan Schumacher, Projektleiter des KrisenKompass und Leiter der TelefonSeelsorge.

Im KrisenKompass stehen Funktionen bereit, die auch in der Psychotherapie genutzt werden wie zum Beispiel die Aufzeichnung von Stimmungen als Tagebuchfunktion oder das Anlegen eines Safety-Plans. „Er kann in stabilen Momenten angelegt werden und ist sehr hilfreich, wenn man weiß, in der Krisensituation kann ich darauf zurückgreifen“, beschreibt Schumacher den Mehrwert. Als Erste-Hilfe-Koffer für den Notfall kann ich in der  App außerdem persönliche Archive anlegen, um aufbauende Gedanken oder persönliche Fotos, Erinnerungen oder Lieder zu speichern. Erläuterungen von Entspannungstechniken sowie  Kontakte für den Notfall wie Telefonseelsorge® und andere professionelle Anlaufstellen, geben konkrete Hilfestellungen für eine Krise.

Thematisierung von Suizidalität in 2019

Im Jahr 2019 wurde das Thema Suizidalität (Suizidabsicht, Suizidversuch, Suizidgedanken, Suizid eines anderen) in rund 103.000 der Gespräche der Telefonseelsorge® thematisiert (Telefon, Mail, Chat und Vor Ort). Davon waren mehr als 23% der Gespräche mit Jugendlichen und Kindern bis 29 Jahren. Besonders die digitalen Wege werden genutzt: konkret waren 68,2% aller Chatgespräche und 61,4% Mails zum Thema Suizidalität mit dieser Altersgruppe.

Die TelefonSeelsorge

Als eine der ersten Suizidpräventionsmaßnahmen des Landes wurde die Telefonseelsorge® 1956 gegründet. Um den Zugang möglichst vielen Menschen zu ermöglichen, steht sie rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr bereit. Die Seelsorge ist ideologisch, konfessionell und politisch unvoreingenommen.

Über vier Wege ist die Telefonseelsorge® zu erreichen: Telefon, Mail, Chat und in einigen Städten Vor Ort. 2019 wurden 932.100 Telefonate, 49.951 Vor Ort- und 19.540 Chatgespräche geführt sowie 34.795 Mails geschrieben. Dank Unterstützung der Deutschen Telekom sind die Telefonnummern 0800/1110111 und  0800/1110222 gebührenfrei.

DOWNLOAD DER APP

Die App können Sie hier herunterladen

FÜR iOS: https://ios.krisen-kompass.app

FÜR ANDROID: https://android.krisen-kompass.app

 

INTERVIEWMÖGLICHKEITEN UND STATEMENTS

Gerne können Sie uns auch direkt im Interview befragen:

Dorothee Herfurth-Rogge (Vorsitzende der evangelischen Konferenz für Telefonseelsorge® und Offene Tür e.V.): „Der KrisenKompass ist für uns die logische Ergänzung unseres Angebots in der digitalen Zeit.“

Michael Hillenkamp (Sprecher der katholischen Konferenz für Telefonseelsorge® und Offene Tür): „Wenn wir es mit Suizid und Krisen zu tun haben, sprechen wir von einer wirklichen, weltweiten und gefährlichen Pandemie, die mit großer Not einhergeht und auch heute noch oft tabuisiert wird.“

Dr. Stefan Schumacher (Projektmanagement KrisenKompass): „Als wir begonnen haben, den KrisenKompass publik zu machen, wurde ganz schnell deutlich, dass die App neben der  Soforthilfe in Krisenmomenten auch ein tolles Werkzeug für die therapeutische Begleitung sein kann.“

Birgit Knatz (Fundraisingbeauftragte für den KrisenKompass): „Die KrisenKompass App ist ein erster Hilfe-Koffer für die Hosentasche, der  durch die Unterstützung vieler Spenderinnen und Spender möglich geworden ist.“

ERKLÄRVIDEO

Insgesamt vier Erklärvideos werden wir bereitstellen, die nach und nach über unseren YouTube-Channel abgerufen werden können: https://www.youtube.com/channel/UCmIQp2LO0-_kaESXR_3JOpg